Mobirise

Der Kahn

By Joern Ruerup


Die Sucht

Die Sucht begann 1951 als mein Vater eine Vollholz-H-Jolle kaufte für wenig Geld, wovon wir viel zu viel wenig hatten. Seit dem Krieg in Stroh versteckt gelagert, entsprechend war sie rissig und unreparierbar ausgetrocknet, also nie dicht. Mein Vater Hans Eduard Otto, genannt Fletsche, Fahrradhändler in Hamburg, alles was er reparierte, und das war oft der Fall, sah hinterher wie ein Fahrrad aus, egal ob es die Schuhe waren welche mit alten Reifen besohlt wurden, leckende Wasserschläuche oder so auch das Boot. Es ist unvorstellbar, wofür man eine Fahrradspeiche überall zu benutzen kann! Ich war sechs Jahre alt, konnte nicht schwimmen und hatte viel Angst beim Segeln, wie meine Mutter, ich zeigte es nicht, sie aber umso mehr, weswegen sie dann auch nicht mehr mit dabei war, mehr dafür aber wir fünf Kinder. Schwimmwesten? Gab es nicht, ein um den Körper gewickelter Fahrradschlauch war dafür vorgesehenen – aber nie angelegt. Ans Reffen bei starkem Wind kann ich mich ebenso auch nicht erinnern aber an das viele Wasser welches wir über Deck bekamen, machte ja nichts aus weil sowieso immer schon reichlich Leckwasser im Boot war und regelmäßiges Schöpfen, so wie eine Wende, zum normalen Segeln gehörte.

Die Elbe mit ihren zahlreichen Nebenflüssen und Inseln war unser Revier welches wir schleusender Weise über die Bille erreichten. Motor? Fehlanzeige. Segeln bis zur Erschöpfung, immer noch besser als das Paddeln, Staken, Treideln, nur geschleppt werden, ja das war auch schön (und sicher!). Um das Revier der Elbe zu erreichen musste auf der Bille (BWSV) und Elbe bei jeder Brücke der Mast gelegt werden und somit dauerte es doch einige Zeit, immer mit dem Druck, dass uns die Tide wegläuft. Für die Schleusengebühren der Bille gab es eine Jahreskarte die man nur kurz vom Boot aus dem Wärter zeigen musste. Ja, wir hatten so ein ähnliches Papierstück in der ähnlichen Farbe aus Karton ausgeschnitten. Mit dieser Fälschung funktionierte es auch. Peinlich war dieses Tun uns Kindern nicht, eher „normal“. So normal wie der Spirituskocher der auch immer widerwillig funktionierte, oder auch nicht. Mein Hunger war ja doch nie ganz stillbar. Meine Haut faszinierte mich, wenn ich sie in langen Streifen vom Körper ziehen konnte – nachdem die unerträglichen Schmerzen des Sonnenbrandes vorbei waren. Diesen gab es sehr oft weil doch, nach heutigen Maßstäben unvorstellbar, die elterliche Vorsorge fehlte und nur manches Mal eine Flasche mit Nivea Sonnenschutzöl an Bord war und wenn dann auch noch Öl drinnen war…. schützte es auch nicht richtig. Für mich als kleines Kind war die Fahrt durch den zerbombten Hamburger Hafen immer eine sehr spannende Sache. Schiffswracks, eingestürzte Kaimauern, Kranruinen verbunden mit den schauerlichen Geschichten aus dem Krieg. Es gab noch öfters treibende Wasserleichen, ich hatte natürlich keine gesehen dafür aber umso mehr Wasserratten und jede Menge Treibgut. Das Hämmern der Nietpresslufthämmer auf den Werften ist mir heute noch im Ohr (oder ist es doch ein Tinitus?). Man musste sich damals beim Zoll an- und abmelden wenn wir den Hafen durchquerten. Für meinen Vater bedeutete es immer Krieg mit Behörden. Heute würde ich ihn in die Nähe der Reichsbürger einordnen, immer gegen den Strich mit der Obrigkeit, uns Kinder war auch das nicht peinlich sondern auch wieder ganz „natürlich“.

Gern denke ich an die Strände der Elbe zurück, das bierbraune Wasser und den Geruch des Wassers. Diesen habe ich auch heute noch sofort in der Nase wenn ich mal wieder am Elbufer stehe. Es gab immer etwas zu entdecken oder zu organisieren, z.B. Lebensmittel und Milch von den Bauern zu jeder Tages- und Nachtzeit. Meistens hatten wir Glück. Sowieso! Dieses alles sind die kleinen und großen Zutaten welche die Sucht zum Wasser, zum Segeln, zur Freiheit fundamentierten. Es folgten viele Boote, mögliche und unmögliche aber alle doch mit einem speziellen Charakter. Das sind nun schon sechsundsechzig Jahre her und die Sucht ist immer noch unbändig vorhanden.

Alte Liebe

Der Sommer im Jahr 2017 war überwiegend nass und bitterkühl. Mit unserer nun 30 Jahre alten Moody 31 MK2 „Silbe Om“ segelte ich weite Strecken per Einhand durch Meck-Pom und durch das südliche Dänemark. Wochenweise unterbrochen mit meiner Familie, bestehend aus Annedore und Tarik so wie die männlichen Schweizer Verwandten. Diese Wochen wäre eigentlich eine eigene Geschichte wert gewesen aber ich hatte mir in diesem Jahr vorgenommen mal kein Logbuch zu schreiben – jedenfalls waren es sehr schöne Wochen. In der Zeit des Einhandsegelns reifte der Gedanke, das Boot zu verkaufen, ja, eventuell sogar ganz mit dem Segeln aufzuhören! Meine Augen machten mir stark zu schaffen, sah einen Tanker nahe Gedser, der mein Kurs querte, in sicherer Entfernung der sich dann aber als eine große Fähre herausstellte, welche direkt auf mich zu hielt! Ebenso konnte ich kaum noch nachts die Navigationslichter und Seezeichen richtig ausmachen! Die Kräfte ließen nach was sich besonders beim Hand über Hand Anker-auf-Manöver bemerkbar machte. Das muss man auch nicht unbedingt mit 73 Jahren noch gut können.

Still war es in der Bootshalle nach dem Einlagern in das Winterlager. Wie bei einem treuen Pferd oder Hund streichelte ich den Rumpf unserer alten Moody mit dem großen stillem Gefühl der Dankbarkeit und Treue, hast es gut gemacht, altes Mädchen, mich auch in stürmischen Einhandzeiten und brenzligen Situationen nie in Stich gelassen. Konnte mich 100% ig auf dich verlassen! Schweden, Polen, Norwegen, Nordsee mit Skagen und Limfjord waren in den letzten acht Jahren die Reviere die ich/wir mit dem Boot bereisten. Nun sollte Schluss sein, für mich und das Boot. Ende, aus, fini, nur Rentner sein und Rentnergespräche über Krankheit und Fernreisen führen… grausige Gedanken, treffen aber uns alle einmal.

Der erste Interessent kaufte sofort das Boot, etwas Glück und der richtigen Preis gehört dazu. Sie wird es jetzt ruhiger haben, der neue Eigner ist ein Anfänger und wird nur auf einem holländischen Binnenmeer segeln. Hat sie auch verdient, nicht mehr so gequält zu werden. Aber vielleicht bleibt der ruhelose Geist an Bord und wirkt ansteckend. Eine letzte Reise mit ihr wird noch im Frühling anstehen, ich habe mich verpflichtet das Boot in die Nähe von Amsterdam zu überführen, der Neue traut sich nicht. Eine große Lust dazu habe ich nicht.

Hin und her

Was nun? Annedore geht in Rente, was wollen wir dann gemeinsam machen? Was bin ich ohne Boot? Die Lösung ist ein Wohnmobil. Viele Stunden wälzten wir (eigentlich ich) Kataloge und recherchierten im Internet nach einem passenden Wohnmobil. Passen ist richtig, denn in den meisten Mobilen sind die Kojen nicht länger als 1,95 m und das ist entschieden zu kurz für mich und meinen Sohn Tarik-Sören da wir die 2 Meter Marke leicht unter und überschreiten. In der Vorweihnachtszeit kam die Erleuchtung (oder Annedores Entscheidung?) dass Reisen auf der Straße nicht unsere Welt ist, mit Rast auf verpinkelten Autobahnraststätten, Verkehrsstau sowie grillenden und bierlaunigen Mitgenossen auf den Campingplätzen. Und vor allem, was würde passieren? Ich würde nur von einem Hafen zum anderen fahren und sehr sehr sehnsüchtig aufs Wasser schauen! Sie überredete mich wieder ein Boot zu kaufen! Was für eine wunderbare Frau! Und dazu auch noch ein ganz neues Lebensgefühl, in beide Augen wurden neue Linsen operiert, ein Wunder und wahnsinniges Geschenk wieder richtig sehen zu können! Mitten im Winter ging die Sonne auf, strahlender als im Sommer! Flugs wurde zusammengestellt wie ein Boot für uns aussehen sollte. Größer, ja. Elektrische Ankerwinde, Reffsegel im Mast, Teakdeck, nicht zu alt, nicht verbastelt usw.usw. Es wurde eine 2-seitige Liste. Und, ganz wichtig, Kojenlängen über 2 Meter! Und es musste ja auch in die Bootshalle passen. Was soll ich hier alles aufzählen? Kurz gefasst ergab die Internetrecherche im Gebrauchtbootmarkt, dass nur 3 Typen von 36 Fuß Schiffen in Frage kamen. So groß war dann das Angebot dann auch nicht mehr. Ich flog für 9,90€ nach England um mir dort an 2 Tagen 6 Boote anzusehen. Übelste Betrüger warteten dort auf mich! Fotos in den Anzeigen zeigten nicht das angebotene Schiff sondern tw. neue Schiffe und noch schlimmer Boote mit kapitalen Schäden nach Strandung auf Felsen- und das dann übergefuscht - wurden mir angeboten ohne den Schaden vorher zu benennen bzw. nur nach hartnäckiger Rückfrage dieses zu zugeben. Die Suche im Frühjahr 2018 führte mich nach Belgien, Holland, Frankreich, Monako, Chan und natürlich auch in heimatliche Häfen. Aber immer waren es irgendwelche Kinken die mich von einem Kauf abhielten. So wird man Experte für Gebrauchtboote! Betrübt, es kostet ja auch immer viel Zeit und Geld, hatte ich mich schon davon verabschiedet, dass es unser Traumboot nicht gibt – ja, was für ein Frevel, ich fing an mich auch schon für Motorboote zu interessieren! So alt bin ich doch noch nicht! (73) Es war an einem trüben Sonntag. Mit Manfred, ein Vereinskamerad, wollten wir eine Beneteau besichtigen in Makkum, Ijsselmeer/Holland. Auch hier stimmten die Fotos nicht mit der Wirklichkeit überein! Ein absoluter Rattendampfer! Verärgert über die lange Anfahrt, Geld und Zeit hatte die Besichtigung gefühlt nur eine Minute dauern lassen. Da wir keine weiteren Termine hatten, noch kurz ins Internet geschaut.. und da war doch noch etwas, keine 20 km von hier entfernt in Stavoren! Den Eigner angerufen und gefragt, ob er sofort sich auf den Weg macht von Düsseldorf. Es klappte und wir waren gespannt. In der Gegend am Ijsselmeer liegen tausende von Segelbooten im Winterlager. Für uns an der Küste nicht so ganz vorstellbar. Das Boot, eine Bavaria 36-2, Baujahr 2003 machte einen super gepflegten Eindruck, die Eignerfamilie auch. Es stimmte eigentlich alles. Zum Boot war es Liebe auf den ersten Blick! Aber der Preis! Für weit über 60.000.-€ angeboten sprengte den mir selbst gesetzten Rahmen. Die Fahrradhändlergene kann ich nicht verleugnen, sie stecken auch in mir drin, wurden vererbt. Somit wurde das Boot mit bösen Blick untersucht und bloß keine Rührung zeigen! Es wirkte und bei 52.000.- wurden wir uns einig, soweit sogar, das wir sofort einen Kaufvertrag abschlossen (den ich schlitzohriger Weise immer dabei hatte). Reichlich Zubehör mit Pött un Pannen war dabei aber bei den Klappfahrrädern scheiterte es am Protest seiner Frau. Sie hatte, wie ich später hörte, abends geweint weil das Boot weg ist. Im Nachhinein kann ich sie wirklich sehr verstehen! Ein schöner gepflegter Kahn!

Fliegender Wechsel

Im März sollte er geschehen aber der Wettergott (auch Rasmus?) sandte uns 2018 eisige Winde. Die geplanten Überführungen außen herum würden darum ungemütlich und bei 3-4 °C nicht erstrebenswert. Anfang April wurde den Kahn, die „Chili“, aus Stavoren über die Kanäle abgeholt. Blind vertrauend wählten wir die legendäre „Stehende-Mast-Route“. Was scheren uns die großen Displays am Kanalrand. Ja, ich bin doch „Kanalerfahren“ d.h. vor 40 Jahren hier schon mal lang gefahren – und da gab es auch keine Displays mit roter Laufschrift. Ich kann ja alles! Unklar, was dort geschrieben stand. Ja, auch umkehren kann ich…den nach stundenlanger Fahrt erfuhren wir, dass die Eisenbahnbrücke in Leuwarden wegen Reparaturarbeiten erst wieder in 5 Wochen geöffnet wird! Dort mit Werfthilfe den Mast gelegt und zurück zur großen Kanalautobahn Stavoren-Delfzijl. Große Freude dafür und bereitete uns der GPS-geführte Autopilot. Wir, das sind zwei Freunde, auch Rentner, konnten so auf den breiten Kanälen ungestört Skat draußen eingemummelt spielen. Und so mancher Killepitsch, ein Düsseldorfer Kräuterschnaps welchen der Vorbesitzer an Bord gelassen hatte, versüßte uns das Spiel ganz entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit, dass es während der Fahrt kein Alkohol gibt – aber auch sonst gibt es nur wenig davon. Aber nicht nur den Killepitsch sondern auch ganz viele andere wertvolle und nützliche Ausrüstungsgegenstände sehr guter Qualität hatte der Vorbesitzer überlassen, so übergibt auch nicht jeder sein Schiff! Großer „Dank“ an dieser Stelle! Was ist das für ein Unterschied! Aufgewachsen mit Gaffel, Klau- und Pikfall, ohne Kunststoffe und spezieller Kleidung für den Wassersport und und und… und nun Rollmast, Bugstrahl, El. Ankerwinde, AIS usw.. Luxus pur! Sicher besser oder schlechter wie früher? Eigentlich eine sinnlose Diskussion, auch weil Heizung, Ankerwinde und Rollmast mir es überhaupt ermöglichen im Alter noch zu segeln – und das sogar liebend gern per Einhand! Der Motor schnurrte, angenehm leise, und seine 29 PS schafft er es lässig, dass wir mit den Frachtschiffen mithalten konnten und dadurch kaum Wartezeiten an Brücken und Schleusen hatten. Nach 4 ½ Tagen erreichten wir den Heimathafen in Bremen an der Lesum.

Zwei Tage in Bremen verschnaufen, die alte Moody „Silbe Om“ slippen, aufriggen und ausrüsten. Und wieder „On Tour“ gleiche Strecke zurück, dieses Mal mit Zielhafen Volendam nahe Amsterdam zusammen mit dem neuen Eigner, ein Tischler aus dem Ruhrpott, genau so wie ich mir immer die Menschen im Ruhrpott vorgestellt habe. Er redselig von Omma und allem Möglichen erzählt (Logorhoe), ich eher in der stillen norddeutschen Art schweigend. Nach zwei Tagen hatten wir es nivelliert und es ging gut. Meine größten geheimen Bedenken waren, dass Emil, der Motor nicht durchhalten wird. Immerhin ist er fast 30 Jahre alt und hatte in den Jahren unter meinem Kommando so manche Umdrehungen nutteln müssen. Seine Treue hielt er bis zur letzten Minute. Meine Motoren waren auf allen Booten immer eigenständige Persönlichkeiten und Charaktere. Allerdings hießen sie alle „Emil“, was ich von Vater und Großvater so übernommen hatte, auch ihre Motoren hießen so. Ich glaube, es kommt aus dem Buch „Der Flieger Palmström“, irgendwann vor dem 1. Weltkrieg geschrieben, im 2. 1942 neu aufgelegt, welcher auch schon seinen Motor „Emil“ nannte. Ich trieb den neuen Eigner, wir fuhren von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Träumend von meinem neuen Boot konnte ich nicht schnell genug wieder nach Hause kommen. In Volendam festgemacht und zehn Minuten später schon saß ich im Bus nach Amsterdam, fünf Stunden später wieder per Zug in Bremen. Das Wetter wurde warm und schön, der ersehnte Sommer naht.

Der Mai ist gekommen

…und die Träume schlagen aus. Auf jeden Fall erhält diese Geschichte noch weitere Folgen….. JR 12/2018